Ein Tag in Berlin – Zur Demonstration gegen „Hartz IV“ am 2. Oktober 2004

Kurz nach vier Uhr reißt mich der Wecker aus dem Schlaf. Ich koche Kaffe und gieße ihn in zwei kleine Thermoskannen hinein. Auch mir selbst gieße ich nacheinander zwei Tassen ein. Dank des aufmunternden Getränks werde ich allmählich wach. Kurz nach 5 Uhr mache ich mich auf den Weg durch die menschenleeren Straßen.

Um 6 Uhr startet vor der Mensa am Erlennring der Bus nach Berlin. Dort findet an diesem Samstag (2. Oktober) eine bundesweite Großdemonstration gegen die sogenannte „Arbeitsmarktreform“ statt. 35 Fahrgäste haben Karten für den Bus gekauft. 25 Euro haben sie dafür bezahlt, wenn sie über ein eigenes Einkommen verfügen. Nichtverdiener mussten nur 15 Euro berappen.
Gegen 6.20 Uhr macht sich der Bus auf den Weg. Ich sitze hinter der Fahrerin in der ersten Reihe . Neben mir hat ein Erwerbsloser aus Gießen Platz genommen. Er ist schon gegen 5 Uhr in Wieseck aufgebrochen, um rechtzeitig beim Bus zu sein. Von Gießen aus fahren keine Busse, berichtet er mir. Er wolle aber unbedingt mitdemonstrieren, denn „Hartz IV“ werde ihm jeden Monat knapp 300 Euro Einkommen kosten.
Die meisten im Bus sind selbst erwerbslos. Aber es sind auch einige aus Solidarität mitgefahren. Organisiert haben den Bustransfer Aktive von verschiedenen Organisationen, die auch die „Marburger Demo gegen Sozialabbau“ unterstützen. Sie findet jeden Montag um 18 Uhr statt. Ausgangspunkt ist dabei immer das Sozialamt in der Friedrichstraße.
Mein Nachbar berichtet mir von den Aktivitäten in Gießen. Mir scheint, in Marburg sind die Kritiker von „Hartz IV“ aktiver. Ich beteilige mich an den Aktivitäten gegen diesen sozialen Raubbbau nicht aus direkter Betroffenheit, sondern weil ich von diesen Regelungen verheerende Auswirkungen auf den sozialen Frieden befürchte.
Im Bus ist es still. Müde dösen die meisten vor sich hin. Zweimal steuert die Fahrerin unterwegs eine Gaststätte an. Jeweils eine gute Viertelstunde lang haben die Mitreisenden Gelegenheit, sich mit Proviant oder Getränken zu versorgen oder auszutreten.
Ich habe eine Tüte voll belegte Brötchen mitgenommen. Kaffee und Brötchen reichen genau bis Berlin. Das letzte Wurstbrötchen stecke ich mir kurz nach 12 Uhr in dne Mund.
Wenige Minuten später fährt der Bus in Berlin von der Autobahn ab. Der zweite Fahrer erklärt die Sehenswürdigkeiten rechts und s der Straße: Den Funkturm, die Siegessäule, das Ehrenmal, den Reichstag, das Brandenburger Tor, das „Rote Rathaus“ und die Humboldt-Universität.
Wir liegen gut in der Zeit. Ohne größere Staus erreichen wir kurz nach 12.30 Uhr die Karl-Marx-Allee. Erwartungsvoll verlassen wir den Bus. Durch eine Unterführung strömen die Insassen zum Alexanderplatz, von den Berlinern nur „Alex“ genannt.
„Berlin Alexanderplatz“ lautet der Titel eines Romans von Alfred Döblin. Der Arzt schilderte darin das Leben der „kleinen Leute“ während der 20er Jahre. Hoffnungen und Elend von Huren und Zuhältern zeichnen ein – mitunter beklemmendes – Bild der sogenannten „Goldenen 20er“.
An dieses Buch erinnere ich mich, als wir den „Alex“ erreichen. Ein Polizist hält uns auf. Das Transparent, so bemängelt er, sei zu lang. Zulässig seien nur Transparente von höchstens 1,50 Metern Länge. Unser Schriftband sei aber zwei Meter lang. Wir verhandeln mit seinem Vorgesetzten. Einrollen sollten wir das Band auf 1,50 Meter, schlägt er vor. Dnach steht da nur noch „IV muss weg!“ Der Name „Hartz“ ist verschwunden.
Das Vorzeigen von deutlich lesbaren Spruchbändern mit zugespitzten Forderungen und Parolen ist elementarer Bestandteil des grundgesetzlich garantierten Demonstrationsrechts. Ordnungsrechtliche Auflagen dürfen dieses Grundrecht nur einschränken, sofern sie notwendig und verhältnismäßig sind.
Das sehe ich im Falle unseres Transparents nicht so. Kaum haben wir den „Alex“ erreicht, ist das ganze Schriftband wieder lesbar. Auch andere Transparente sind mindestens zwei Meter lang Eines bringt uns alle zum Schmunzeln: „Die Erde ist eine Scheibe. Schweine können fliegen. Hartz IV schafft Arbeitsplätze.“
Um 13 Uhr beginnt die Kundgebung. Gut eineinviertel Stunden lang folgt eine Rede auf die andere. Zwischendurch singt ein Barde Lieder zur Gitarre.
Verstehen können wir kaum etwas davon. Die Akustik ist grottenschlecht. Nur ein paar Wortfetzen kann ich zwischendurch mal entschlüsseln. So bin ich heilfroh, als sich gegen 14.15 Uhr der Demonstrationszug endlich in Bewegung setzt.
Der „Alex“ ist voll von Menschen. Es dauert mehr als eine Viertelstunde, bis sich alle zu einem langen Zug formiert haben. Durch die Torstraße, die Friedrichstraße und die Straße „Unter den Linden“ ziehen die Demonstrierenden wieder zum „Alex“ zurück. wo gegen 16 Uhr die Abschlusskundgebung beginnen soll.
Ein vielstimmiges Heer von Trillerpfeifen tut mir in den Ohren weh. Doch direkt vor uns ertönt eine witzige Musik. Alte Arbeiterlieder erklingen dort auf merkwürdig schräge Weise.
„Schalmaienkapelle Fritz Weinert“ ist da zu lesen. Auch CDs mit diesen Liedern kann man bei den Musikern erwerben. „Vorwärts und nicht vergessen“ ist eines ihrer Stücke.
Vorwärts ziehen wir in langen Reihen. Immer wieder skandiere ich meine Sprüche. Leider habe ich kein Megaphon. Doch manchmal rufen andere mit: „Reiht Euch ein in unsern Marsch, tretet Schröder in den A…, Achtung, Achtung, hier sprechen die Massen: Schröder und Clement, Ihr seid entlassen. Achtung, Achtung, hier sprechen die Chaoten: Hartz IV ist ab sofort verboten!“
Vor der VW-Niederlassung an der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden rufen Demonstrierende „Rauskommen!“ Sie meinen damit den Urheber der sogenannten „Arbeitsmarktreformen“. Pter Hartz ist Manager bei dem Wolfsburger Auto-Konzern.
Boykottforderungen gegen VW machen die Runde. Ohnmacht und Wut mischen sich mit Angst um die nackte Existenz. Immer wieder komme ich mit anderen Demonstranten ins Gespräch. Fast alle haben wegen „Hartz IV“ Angst vor der Zukunft.
Gegen 16.20 Uhr erreichen wir den „Alex“ wieder. Diesmal ist die Akustik zwar ein wenig besser, aber richtig gut verstehen kann man die Reden dennoch nicht. So entscheiden wir uns nach kurzer Zeit dafür, uns lieber mit Proviant für den Heimweg zu versorgen als noch einmal stundenlang frustriert auf dem „Alex“ herumzustehen.
Die Geschäft r und um den Alenxanderplatz machen an diesem Samstagnachmittag ein Bmbengeschäft. Lange Schlangen bilden sich überall. In der nahegelegenen Pizzeria sind alle Plätze besetzt.
Erschöpft, aber zufrieden erreichen wir gegen 17.30 Uhr unseren Bus an der Karl-Marx-Allee. Zwei Mitreisende fehlen noch. Bis kurz nach 18 Uhr müssen wir warten, bis auch sie eingetroffen sind. Dann machen wir uns auf die Heimfahrt nach Marburg.
45.000 Demonstranten meldet das Radio in den Nachrichten. Die Veranstalter hätten viel mehr Teilnehmer erwartet, heißt es. Ähnlich lauten auch die Nachrichten im Fernsehen.
Mir scheint, die Proteste gegen „Hartz IV“ werden von vielen Medien systematisch schlechtgemacht. Abgesehen davon, dass ich die Zahl 45.000 als zu niedrig anzweifle, sind 45.000 Demonstrierende doch schon eine riesige Menge! Und was haben die Menschen im Bus nicht alles auf sich genommen, nur um in Berlin mit dabei zu sein: Vor 5 Uhr aufstehen, zwölf Stunden in einem beengten Bus sitzen, zwei Stunden durch Berlin marschieren, ohne allzuviel von der Stadt mitzubekommen, stundenlang auf dem „Alex“ herumstehen, ohne ein Wort von den Reden zu verstehen, und dafür dann auch noch mindestens 15 Euro bezahlen!
Gegen 0.30 Uhr kommt der Bus wieder am Erlenring an. Viele Mitreisende haben noch etliche Kilometer Heimweg vor sich. Zwei Fahrgäste müssen noch bis nach Gießen.
Ein Erwerbsloser aus Wetter chauffiert mich nach Hause. Um 0.45 Uhr schließe ich die Wohnungstür auf. Erschöpft, aber zufrieden sinke ich kurz darauf ins Bett. Ich habe gegen den Raubbau am Sozialstaat getan, was ich konnte. Hoffentlich tun das die direkt Betroffenen auch!

Franz-Josef Hanke

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