Erziehung zu Werten von vornherein entwertet – Überlegungen zu Ursula von der Leyens „Bündnis für Erziehung“

“Christliche Werte“ möchte Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen wieder fest in der Erziehung verankern. Deshalb hat sie für Donnerstag (20. April) zur Gründung eines “Bündnisses für Erziehung“ die evangelische Landesbischöfin Margot Käsmann und den katholischen Kardinal Georg Sterzinsky eingeladen. Doch war es wohl ein Kardinalfehler, die Einladung auf diese Vertreter der beiden großen Kirchen zu beschränken.
In ihrem Amt als Bundesministerin ist von der Leyen zur religiösen und weltanschaulichen Neutralität verpflichtet. Darauf hat der Bundesvorstand der Humanistischen Union (HU) in einer Presseerklärung am Tag dieser ersten Zusammenkunft des “Ethik“-Trios bereits hingewiesen. Nicht nur die HU und andere Bürgerrechtsorganisationen sowie kirchenkritische Gruppen haben von der Leyens Vorgehen kritisiert, sondern auch diejenigen Religionsgemeinschaften, die zu der illustren Runde nicht eingeladen waren. Auf Ethik haben die beiden christlichen Konfessionen schließlich kein Monopol!
So startet von der Leyens Vorstoß bereits mit einem Geburtsfehler. Er deutet darauf hin, dass die Ministerin möglicherweise die Werte gar nicht so ernst nimmt, die sie da mit Hilfe des angestrebten Bündnisses zu propagieren vorgibt. Wie könnte sie nach diesem Vorgehen Toleranz einfordern, wo sie doch ihre Aktion mit Ausgrenzung und Intoleranz gegenüber Andersdenkenden und -gläubigen begonnen hat?
Vor der Presse predigte von der Leyen weitere Werte wie “Solidarität mit Schwächeren“. Auch hier ist sie in höchstem Maße unglaubwürdig, hat sie doch als Sozialministerin in Niedersachsen die Abschaffung des Blindengeldes durchgesetzt!
Werte nur einfach zu propagieren, ist absolut sinnlos. Werte kann man nur vermitteln, wenn man sich wenigstens bemüht, sie vorzuleben!
In dieser Hinsicht ist die Politik der letzten Jahre sicherlich kein Vorbild an Solidarität, Gerechtigkeit und Respekt vor der Würde des Menschen. Leistungswahn, Egoismus und Geldgier sind wohl eher die treibenden Motive gewesen, die die deutsche Gesellschaft so auf den Hund gebracht haben. Daran hat die deutsche Politik mit ihren verschiedenen Aktionen zum Sozialabbau, zur Verringerung der Besteuerung von Reichtum und zur “Stärkung der Eigenverantwortung“ ein ganz gerütteltes Maß an Mitverantwortung!
Aber auch die Kirchen können sich hier nicht von Kritik freisprechen. Wenn Bischöfin Käsmann solche Werte propagiert, dann sollte sie sich den Umgang der eigenen Organisation mit Finanzproblemen vergegenwärtigen. Da verhalten sich beide Kirchen kaum anders als jeder Kapitalist.
Und wenn Käsmann einräumt, es gebe auch “Irrwege“ der Kirchen, dann ist das eine extreme Verharmlosung! Zwar verbrennt die Katholische Kirche heute keine Hexen mehr, doch unterhält sie immer noch das “Officium Sanctum“. Vorsteher dieser Inquisitionsbehörde war bis zu seiner Wahl zum Papst kein geringerer als Josef Kardinal Ratzinger!
Auch als Papst Benedikt XVI. setzt er weiterhin auf vordemokratische Strukturen absolutistischer Macht. Zudem führt die Katholische Kirche ihre frauenfeindliche Politik fort, die alle einflussreichen Kirchen-Ämter nur Männern vorbehält.
Bis heute noch nicht aufgearbeitet – geschweige denn, sich dafür entschuldigt – haben beide Kirchen ihre unrühmliche Vergangenheit in Kinderheimen für angeblich “Schwer Erziehbare“. Misshandlungen und Demütigungen dort waren keine “Einzelfälle“, wie inzwischen auch der Caritasverband zugeben musste.
Ein offenes Geheimnis ist zudem der unredliche Umgang der Katholischen Kirche mit unehelichen Kindern von Priestern. Trotz massiver psychischer Schäden auf Seiten aller Beteiligten hält die Kirchenleitung eisern am Zölibat fest.
Die offizielle Lustfeindlichkeit der Katholiken führt häufig zu einer verlogenen Doppelmoral. Dennoch halten die Kleriker an überkommenen Ideologien fest, die viele Menschen dann in Gewissensnöte bringen.
Angesichts all dieser Tatsachen kann Kirche wohl kaum mit Recht beanspruchen, ein besonderes Privileg für Ethik und Moral zu besitzen. Werte wie Toleranz gegenüber Andersdenkenden und Respekt vor der Würde aller Menschen, Gleichheit vor dem Gesetzt und Gerechtigkeit für jedermann sind in Wahrheit von der Aufklärung gegen die Kirche erkämpft worden. Sie als “christliche Werte“ zu bezeichnnen, ist Geschichtsklitterung.
Dass die bundesdeutsche Gesellschaft wieder moralische Werte braucht, ist wohl weitgehend unstrittig. Beginnen müsste sie damit, indem alle ihre persönlichen Zugänge zu einem vielfältigen, demokratischen und multikulturellen Ganzen zusammenfügen.
Außerdem ist es unerlässlich, dass Ursula von der Leyen mit der Forderung nach mehr Moral bei sich selbst beginnt: Gefragt ist Ehrlichkeit. Die Ministerin sollte offen zugeben, dass sie wieder eine Gesellschaft anstrebt, in der die Kirchen die Definitionsmacht haben, was erlaubt ist und was nicht. Und sie sollte ehrlich zugeben, dass sie wieder zurück in die finsteren 50er und 60er Jahre will!

Franz-Josef Hanke

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