Vierte Gewalt oder traurige Gestalt? – Medienkritische Betrachtungen eines Journalisten

Medienschelte ist unter „Linken“ recht beliebt. Häufig ist sie Ausdruck der Verärgerung des Kritikers, die eigenen Positionen in seiner Zeitung, dem Radio oder Fernsehen nicht ganz genauso wiederzufinden, wie er sich das wünscht. Oft ist diese Kritik völlig ungetrübt von Kenntnissen über Struktur und Funktionsweise der Medien. Doch gerade wenn man sich die Bedingungen genauer anschaut, unter denen Medien heute arbeiten, dann vertieft das die Sorge um die Zukunft beträchtlich.
Zeit- und Arbeitsdruck in nahezu allen Medien führt zu einer raumgreifenden inhaltlichen Verflachung. Journalistinnen und Journalisten haben kaum noch Zeit für Recherchen. So wird meist ungeprüft übernommen, was die Agenturen ins Redaktionssystem eingespeist haben.
Recherchen kosten Geld und Zeit. Und Recherchen konfrontieren möglicherweise mit Unanehmlichkeiten: Man könnte dabei einem Mächtigen auf die Füße treten, der sich dafür bitterlich rächt!
Also lässt man „unnötige“ Recherchen lieber sein. So kommt man schneller zu einem Artikel und gefährdet zudem auch nicht die eigene Karriere!
Selten werden die Interessen hinterfragt, die jemand bei der Verbreitung bestimmter Nachrichten verfolgt. So ist auch kaum irgendwo kolportiert worden, das der „Wirtschaftsweise“ Bert Rürup Hunderttausende durch einen Beratervertrag mit einer privaten Krankenversicherung einnimmt, wenn er sich bei der Diskussion um die „Gesundheitsreform“ für mehr „private Vorsorge“ eingesetzt hat.
Das Schielen nach Einschaltquoten und Abonnentenzahlen führt darüber hinaus zu möglichst griffigen Beiträgen. Kürzere Formate bei Sendungen und Artikel-Umfängen erhöhen diese inhaltliche Verflachung weiter. Kaum ein Thema kann noch ausreichend dargestellt und in unterschiedlichen Aspekten beleuchtet werden.
Den Arbeitsdruck in den Redaktionen nutzen clevere Lobbyisten mit mundgerecht servierten Pressemitteilungen. Diese Texte braucht der Redakteur nur noch aus der Mailbox in sein Satzsystem herüberzukopieren, ohne sie noch weiter bearbeiten zu müssen. Da bleiben inhaltliche Überprüfungen und Korrekturen dann leicht auf der Strecke.
Propaganda-Agenturen wie die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ kaufen Journalistinnen und Journalisten wie auch prominente Politiker und Wissenschaftler. So haben sie dann nicht nur Beiträge in den betreffenden Medien gekauft, sondern häufig auch das „Bewusstsein“ der Macher.
Der Sozialstaat könne so nicht mehr aufrechterhalten werden, meinen viele. Ungeprüft plappern auch gestandene Redakteure nach, was ihnen interessierte Kreise da vorgaukeln. Gezielte Kampagnen überhäufen die Presse mit derartigen Positionen, die sie widerspruchslos weiterverbreiten. Viele Verantwortliche denken nicht darüber nach, wie sie sich so zu Erfüllungsgehilfen bestimmter Interessen machen.
Die Käuflichkeit von Medien hat Detlev Lilienthal vom Evangelischen Pressedienst (EPD) im Fachdienst „EPD Medien“ nachgewiesen. Selbst die Bundesagentur für Arbeit (BA) hatte beim Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) kurze Beiträge gekauft und bezahlt. Angesichts derartiger Verstrickungen mag es kaum verwundern, wenn im ZDF gegen Erwerbslose gehetzt wird und sie als potentielle „Schmarotzer“ diskreditiert werden.
Das „Leitmedium“ Fernsehen spielt in der modernen Informationsgesellschaft eine Schlüsselrolle. Die Positionen in den wichtigen Nachrichtensendungen dort werden in aller Regel mit stromlinienförmigen Journalistinnen und Journalisten besetzt. Wer Ecken und Kanten hat und eine entsprechende eigene Meinung vertritt, der wird es dort sehr schwer haben.
Zudem verdienen die Journalisten dort so viel, dass ihre Lebenserfahrung kaum mehr vergleichbar ist mit der von Beziehern des Arbeitslosengeldes II (ALG II) oder Erwerbstätigen mit geringem Einkommen.
Freiberufler hingegen können im Journalismus durchaus am Hungertuch nagen. Ihre wirtschaftliche Abhängigkeit zwingt sie aber, mit kritischen Stellungnahmen oder Berichten hinterm Berg zu halten, wenn sie nicht ihr – ohnehin schon geringes – Einkommen noch zusätzlich gefährden wollen.
Seit langem ist die Journalisten-Ausbildung in Deutschland überaus fragwürdig. Zwar bilden viele Medien ihre Volontäre recht gut aus, doch bekommt ein Volontariat in der Regel nur, wer durch freie Mitarbeit mit hohem Niveau bereits bewiesen hat, dass er diese grundlegende Ausbildung eigentlich gar nicht mehr braucht.
Viele unausgebildete „Freie“ arbeiten oft jahrelang für Zeitungen, Zeitschriften und den Rundfunk, ohne jemals den Beruf erlernt zu haben. Ihre Arbeit muss dabei nicht einmal schlecht sein. Doch sind auch sie in ihrer – mitunter immer wieder vertrösteten – Hoffnung auf ein Volontariat nicht gerade die idealen Vorkämpfer für die Pressefreiheit.
So stehen viele Journalisten unter enormem Anpassungsdruck. Die vielzitierte „Schere im Kopf“ ist da eine beinahe zwangsläufige Überlebensstrategie. Dass einzelne Journalisten auch käuflich sind und gegen Geld sogar eigene Kollegen bespitzeln, wie jüngst der Sonderberichterstatter Gerhard Schäfer bei seiner Untersuchung zu Überwachungspraktiken des Bundesnachrichtendienstes (BND) gegenüber Journalisten herausgefunden hat, verwundert angesichts der herrschenden Zustände in den Redaktionen kaum noch.
Ihre Leser, Hörer und Zuschauer halten viele Redakteure für dumm. Sie glauben, sie müssten Sachverhalte stark vereinfachen, damit sie überhaupt noch verstanden werden. Mitunter werden die Ergebnisse dann aber so plakativ verkürzt, dass sie kaum noch die wahren Sachverhalte vermitteln.
Aus all diesen Gründen werden in bundesdeutschen Medien häufig Positionen der Regierung oder der herrschenden Parteien kolportiert, ohne Gegenpositionen dazu auch nur anzudeuten. Dabei gilt im Journalismus eigentlich der Grundsatz „Audeatur et altera Pars!“ (Auch die andere Seite soll gehört werden).
Dieses Grundprinzip verwirklichen viele Journalisten im Alltag aber kaum. Einseitigkeit prägt die Darstellung wichtiger Themen in den Medien auf mitunter unerträgliche Weise.
So behaupteten Berichterstatter und Kommentatoren immer wieder, bei den Volksentscheiden in Frankreich und den Niederlanden habe die Mehrheit der Bevölkerung „gegen Europa gestimmt“. Tatsächlich hatten die Gegner aber die neoliberale Ausrichtung des vorliegenden Verfassungs-Entwurfs kritisiert. Sie wollten dem Neoliberalismus keinen Verfassungsrang in der Europäischen Union (EU) einräumen.
Für viele Journalistinnen und Journalisten scheint der marktradikale Neoliberalismus in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik inzwischen aber Gesetzescharakter angenommen zu haben. Forderungen nach mehr Solidarität und sozialer Verantwortung tun sie als „unrealistische Träumerei“ ab. Ihre Verfechter beschimpfen sie als „ewig Gestrige“.
Dass sich viele Journalistinnen und Journalisten mehr soziale Verantwortung kaum noch als realistisch vorstellen können, mag vielleicht auch am Alltag in ihren Redaktionen liegen. Konkurrenzdenken und Rücksichtslosigkeit haben dort nach einer stetigen Verschärfung der Arbeitsbedingungen Einzug gehalten. Auch die tägliche Beschäftigung mit Katastrophen, Krieg und Gewalt sowie intriganten Politikern und ihren inhaltsleeren Versprechen mag mitunter zur Ernüchterung eigener Illusionen und Ideale führen.
So nehmen einige Journalistinnen und Journalisten nicht einmal mehr die Verfassung ernst. Darin sind sie den Politikern hinterhergedackelt, die diese Begrenzung ihrer Macht nicht akzeptieren wollen.
War bei der ersten Blockade-Aktion von Marburger Studentinnen und Studenten auf der Stadtautobahn B3A am Donnerstag (11. Mai) noch eine schnelle Berichterstattung im Hessischen Rundfunk (HR) zu hören gewesen, so wurde die zweite Blockade einen Tag später im HR einfach totgeschwiegen. Dabei hat sie die Marburgerinnen und Marburger wesentlich mehr bewegt als die erste, kreiste doch der Polizei-Hubschrauber am Freitag (12. Mai) gut zwei Stunden lang im Tiefflug über der Stadt!
Proteste gegen diese „innere Zensur“ prallen jedoch wirkungslos ab: Einerseits stellt der HR Anrufer nicht zu den verantwortlichen Redakteuren durch, sondern speist sie mit geschulten Telefonistinnen an seinem „Hörertelefon“ ab. Andererseits hatte der hessische Ministerpräsident Roland Koch sich den Rundfunkrat des HR schon kurz nach seiner Machtübernahme in die Tasche gesteckt, indem er ihn durch zahlreiche Verbündete wie Repräsentanten der Vertriebenenverbände und andere reaktionäre Kräfte aufgebläht hatte.
Nicht nur damit ist er dem Prinzip des römischen Diktators Gajus Julius Caesar gefolgt. Auch dessen Motto „Panem et Circenses“ praktiziert der CDU-Politiker in Hessen, indem er den Informationsgehalt des HR immer weiter herunterkocht.
Selbstverständlich ist in diesem regierungstreuen Rundfunk dann auch keine Rede vom Verfassungsbruch, den die hessische Landesregierung mit der geplanten Einführung von Studiengebühren begeht. Der Abbau von 1.400 Stellen am Universitätsklinikum Gießen und Marburg ist dem HR auch kaum der Rede wert.
Ohnehin zählt für die HR-Verantwortlichen scheinbar nur Frankfurt und höchstens noch Wiesbaden. Eigentlich müsste der Sender deshalb ehrlicherweise „Radio Frankfurt und Vororte“ heißen.
Vielen stinkt das längst: Die Abwanderung von Hörern ist beim ersten Hörfunkprogramm des HR dramatisch. Doch scheint auch das kaum zu kümmern. Inzwischen kursieren ernst zu nehmende Gerüchte, der Sender wolle aus dem Informationsprogramm HR 1 einen „Oldie-Kanal“ machen. Wo bleibt da die verfassungsrechtlich verankerte Informationspflicht des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks?
Dabei kann Information auch spannend dargeboten werden. Niveau muss nicht langweilen. Guter Journalismus informiert und unterhält zugleich. Aber wo gibt es in Hessen heutzutage noch richtig guten Journalismus?

Franz-Josef Hanke

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