Keiner hört auf Cassandras Warnungen – Erst einmal Käte, dann wieder der Alltag

Mitunter gerät man als Bürgerrechtler ganz unfreiwillig in die Rolle eines notorischen Nörglers. Umso erfreulicher sind deswegen Anlässe wie die Verleihung des marburger Leuchtfeuers für Soziale Bürgerrechte am Dienstag (3. Juli) an die Gewerkschafterin Käte Dinnebier: Wenigstens einmal im Jahr stehen mit dem „Leuchtfeuer“ Lob und Freude im Mittelpunkt der Aktivitäten des HU-Ortsverbands Marburg.

30 Jahre lang hat Käte Dinnebier den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) in Marburg hauptamtlich repräsentiert. Ihr besonderes Augenmerk galt dabei der Gleichberechtigung von Frauen im Arbeitsleben wie im Alltag. Ihr Motto war der Titel des Lieds „Brot und Rosen“.

Ihre Überzeugung hat die Sozialdemokratin streitbar – aber immer mit menschlicher Wärme – vertreten. Dadurch wurde sie für viele zu einem überzeugenden Vorbild. Denn sie hat das gelebt, was sie auch eingefordert hat.

Solche Vorbilder indes sind heutzutage leider selten. Der egoistische Röhrenblick ist im Berufsleben ebenso wie im Alltag und in der Politik zum Regelfall geworden. Neoliberale Phrasen von „Eigenverantwortung“ und „Leistung“ beherrschen dort mittlerweile das Denken.

Und so findet sich der Bürgerrechtler nur allzu häufig in der Rolle des keifenden Kritikasters wieder. Widerlich ist schließlich vieles, was ihm tagtäglich begegnet. Sei es die Verlogenheit der Erhöhung des Renten-Eintrittsalters auf 67 Jahre, die eine reale Renten-Kürzung verwegen verschleiern soll; sei es die hartnäckige Weigerung der CDU/CSU, den Menschen für ihre harte Arbeit auch einen gerechten Mindestlohn zu garantieren; sei es die Einschränkung des Datenschutzes von Erwerbslosen, die mit 345 Euro monatlich auskommen sollen oder sei es die Dreistigkeit von Managern und Politikern, sich selbst trotz der Parolen von den angeblich notwendigen Spar-Maßnahmen die Taschen immer ungehemmter zu füllen; Soziale Gerechtigkeit sieht ganz bestimmt anders aus!

Geradezu kriminelle Formen hat die Korruption offenbar in Sachsen angenommen. Doch wird die Aufklärung schwierig, wenn wichtige Akten spurlos verschwinden und möglicherweise höchste Repräsentanten von Politik, Polizei und Justiz selbst in den Skandal verstrickt sind.

Dagegen war es in Gießen wohl möglich, einen Umwelt- und Politik-Aktivisten hinter Gitter zu bringen, obwohl eine polizeiliche Observation seine Unschuld eindeutig bewiesen hatte. Was ist das für eine verdrehte Welt, wenn die Verantwortlichen für Recht und Gesetz sich selber kriminell verhalten!

Die rechtschaffenen Bürger hingegen möchte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble mit immer weiteren technischen Mitteln ausspionieren. Nicht auszudenken wäre, was geschähe, wenn der Schäublesche Überwachungsstaat wohlmöglich nach sächsischem Vorbild in die Hände skrupelloser Krimineller fiele!

Dass diese Horror-Vorstellung nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, belegt der Umgang von Polizei und Justiz mit den demonstrationen gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm: Teilnehmer beschwerten sich über Polizisten, die offenbar als Provokateure in Zivil versucht hatten, Demonstrierende zu Gewalt zu animieren. Der Republikanische Anwältinnen- und Anwälte-Verein (RAV) beklagte massive Behinderungen der anwaltlichen Tätigkeit und eine ganze Reihe von Rechtsverstößen. Die „Käfig-Haltung“ von Demonstrantinnen und Demonstranten in Rostock veranschaulicht die kriminelle Ignoranz der Verantwortlichen gegenüber der grundgesetzlichen Forderung nach unbedingter Achtung der Menschenwürde.

Es ist allerhöchste Zeit, dass sich Politik, Polizei und Justiz streng an das Recht und vor allem an das Grundgesetz halten. Sonst droht Deutschland eine Entgleisung in die Barbarei von Polizei- und Justiz-Willkür, von Angst und Terror!

Cassandra hat also wirklich genug zu kritisieren. Auch wenn ihre Warnungen nach altgriechischer Überlieferung immer ungehört verhallen, muss die Wahrsagerin doch immer wieder ihre Stimme erheben.

Doch Cassandra ist erst übermorgen wieder an der Reihe. Morgen hingegen kommt erst einmal Käte dran. Sie ist ein Vorbild, dem man gerne zuhört. Wenigstens einen Tag im Jahr müssen sich auch Bürgerrechtler einmal richtig freuen dürfen!

Franz-Josef Hanke

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