Ora et Labora: Bete vor dem Labor! – Hochsicherheitslabor beunruhigt niemanden

Vor 20 Jahren hätte es wahrscheinlich noch lautstarke Proteste gegeben. Aber jetzt scheint niemanden mehr zu beunruhigen, dass die Philipps-Universität am Mittwoch (5. Dezember) auf den Lahnbergen Deutschlands erstes Hochsicherheitslabor für gentechnische Forschungsvorhaben eröffnen wird.

In dem neuen Labor sollen Forschungen an den hochgefährlichen Erregern von SARS, Ebola, des Lassa-Fiebers sowie am Marburg-Virus durchgeführt werden. Das Labor besitzt zwei unabhängige identische Laborbereiche, deren Technik redundant ausgelegt ist und jeweils beide Laborbereiche versorgen kann.

Sukzessive werden hier bis zu 14 Mitarbeiter Zugang zum BSL4-Labor erhalten. Insgesamt können vier Mitarbeiter gleichzeitig arbeiten.

Die Labore erstrecken sich auf etwa 285 Quadratmeter. Die Gesamtfläche beträgt 663 Quadratmeter.

Das fünfgeschossige Gebäude auf einer Grundfläche von etwa 20 mal 20 Metern beherbergt in der Mitte das eigentliche Labor. Umgeben ist es von vier Stockwerken für Versorgungs- und Entsorgungstechnik.

Vergleichbare Einrichtungen gibt es in Europa nur in Lyon und Stockholm. Mitte Dezember soll auch in Deutschlands erstem Hochsicherheitslabor der sogenannte „heiße Betrieb“ aufgenommen werden. Dann beginnt die Arbeit mit den hochgefährlichen Viren.

Zu den Baukosten von 11,4 Millionen Euro werden jährlich ungefähr 500.000 Euro für die Betriebskosten hinzukommen. Ein Großteil davon geht nach Angaben der Philipps-Universität in die konstante Überprüfung der Sicherheit.

Die Genehmigung zum Betrieb des Labors liegt seit Mai 2006 vor. Bereits Mitte des Jahres 2007 wurde das Gebäude fertiggestellt. Seitdem sind umfangreiche Sicherheitstests gelaufen.

„Mit der Übergabe des ersten Hochsicherheitslabors in Deutschland sind die räumlichen Voraussetzungen dafür geschaffen, dass Marburg weiterhin Kristallisationspunkt biomedizinischer Forschung bleibt“, jubelte die Philipps-Universität in einer Presseerklärung.

1989 war der Genehmigung der gentechnischen Herstellung des Blutwirkstoffs Erythropoietin (Epo) bei den Behringwerken noch ein öffentliches Genehmigungsverfahren mit einer dreitägigen Anhörung im Auditorium Maximum (AudiMax) der Philipps-Universität vorausgegangen. Umweltschützer und Bürgerrechtler – darunter auch der HU-Ortsverband Marburg – hatten die Bürgerinitiative „Fra-Gen“ gegründet und kritische Fragen zu diesem Vorhaben öffentlich zur Debatte gestellt.

Im Vergleich zu dem jetzigen Vorhaben war die – letztlich trotz erteilter Genehmigung aus patentrechtlichen Gründen nie aufgenommene – Epo-Produktion in Marburg ziemlich harmlos. Das neue Labor hantiert schließlich mit hochpathogenen Erregern, die eine todbringende Wirkung auf Menschen entfalten.

Das neue Hochsicherheitslabor liegt oben auf den Lahnbergen. Wäre ein Standort an einer möglichst tief gelegenen Stelle weitab von jeglicher Bebauung nicht vielleicht sicherer für den Fall, dass möglicherweise pathogene Erbsubstanz ins Abwasser gelangen sollte? Birgt die unmittelbare Nachbarschaft zum Universitätsklinikum nicht wegen denkbarer Kreuzreaktionen mit dort auftretenden Viren ein zusätzliches und völlig unnötiges Gefahrenpotential?

Sicherlich wäre es klug, wenn die Menschen in Marburg sich hierüber Gedanken machten. Auch wenn die Gentechnik sich längst in der Biologie und den benachbarten Wissenschaften durchgesetzt hat, ist sie dadurch noch lange nicht ungefährlich geworden.

Erinnert sei hier nur an das Auftreten der Maul-und-Klauenseuche (MKS) in der Nähe eines britischen Labors im Juli 2007. Und auch der Marburg-Virus besitzt seinen Namen ja nur, weil er 1967 die damals rätselhafte tödliche „Marburger Krankheit“ ausgelöst hat.

Franz-Josef Hanke

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