Ungläubiges Erstaunen – Carsten Frerk stellte sein „Violettbuch Kirchenfinanzen“ vor

Und wieder dreht sich das Glücksrad. „Und wer von Ihnen weiß, wie viel der Deutsche Staat jährlich für Bauzuschüsse für Gebäude ausgibt, die im Besitz der Kirche sind?“, fragt Carsten Frerk und blickt auffordernd in die Runde.
Seine gut zwei dutzend Zuhörer blicken ratlos auf das DinA4 Blatt, das jeder von ihnen in der Hand hält. Auf jedem ist eine sehr hohe Zahl abgedruckt, die von 2 Millionen bis in den zweistelligen Milliarden Bereich reicht. Nach einigem Zögern halten einzelne Zuhörer ihr Blatt mit der aufgedruckten Zahl in die Höhe. Schließlich sieht Frerk den gesuchten Betrag in dem Zahlenmeer aufleuchten und tippt geräuschvoll mit einem Stab gegen eine Triangel, die sich neben seinem Rednerpult befindet. „Richtig 270 Millionen Euro. Soviel zahlt Deutschland jährlich für Bauzuschüsse an die Kirche.“
Wer hätte das gedacht. Vermutlich niemand, denn nur die wenigsten sind über die Finanzen der Kirche informiert. Das möchte Frerk ändern. Der Journalist und Publizist hielt am Mittwoch (24. November) im Historischen Saal des Marburger Rathauses einen Vortrag über die Rolle des Deutschen Staates bei der Finanzierung der Kirche. Frerk gilt auf diesem Gebiet als ausgewiesener Experte. Er hat bereits einige Bücher zu diesem Thema verfasst. Seine letzte Veröffentlichung trägt den Titel „Violettbuch Kirchenfinanzen- Wie der Staat die Kirche finanziert.“
Da die Zuhörer mit viel Informationen und noch mehr sehr hohen Summen zu kämpfen hatten, versuchte Frerk, seine Botschaft durch Verteilen der im Vortrag fallenden Beträge auf Papier etwas zu veranschaulichen. „Damit Sie etwas inter-aktiver werden“, erklärte er schmunzelnd.
Geprägt war der Abend aber eher von Erstaunen und Ungläubigkeit. Während der eine Zuhörer bis auf die Stuhlkante vorrutschte, um ja kein Detail zu verpassen, kniff ein anderer konzentriert die Augen zusammen um die komplexen Zusammenhänge zu durchschauen.
In seinem Vortrag konzentrierte sich Frerk ausschließlich auf die Beziehung von Staat und Kirche. Die Themen „Kirche als Wirtschaftsunternehmen“, sowie „Religion im Allgemeinen“ ließ er außen vor. Der Autor würdigte die Kirche ironisch als „beste Geschäftsidee der Welt“, der es durch geschickte Lobbyarbeit gelinge, sich die laufenden Kosten ganz selbstverständlich vom Deutschen Staat finanzieren zu lassen. Und das sind immerhin über 19, 3 Milliarden Euro im Jahr. Das mussten die Zuhörer erst einmal verdauen.
Nach und nach führte Frerk die anfallenden Kosten der Kirche auf, die zum großen Teil vom Staat übernommen werden. Seit der Weimarer Verfassung 1919 müsste das allerdings als verfassungswidrig gelten. Sie besagt dass Staatsleistungen an Religionsgemeinschaften abgelöst werden müssen.
Das wird jedoch geschickt von Kirche umgangen, indem man sich auf das Jahr 1803 beruft, wo nach dem Reichsdeputationshauptschluss die letzten 20 kirchlichen Territorien aufgehoben wurden. Doch bis heute lässt sich die Kirche „Pachtersatzleistungen“ auszahlen. Das auch diese Vorgehensweise nur aufgrund einer Reihe von Vertragsbrüchen in der Vergangenheit möglich ist, wissen heute nur noch die wenigsten.
In diesem Zusammenhang erläuterte Frerk die Missstände bei den Kirchenbaulasten, bei der Finanzierung der Ausbildung der Kirchenmitarbeiter, des Religionsunterrichts, der kirchlichen Kindertagesstätten, der Konfessionsschulen, der Erwachsenenbildungsstätten und der Militärseelsorge. „Wie kann es sein, dass der Staat Milliardenbeträge in diese Einrichtungen investiert, obwohl fast ein Drittel der Bevölkerung offiziell als konfessionslos gilt oder einer anderen Glaubensgemeinschaft zugehörig ist?“, klagte Frerk an. In diesen aufgezählten kirchlichen Einrichtungen werde missioniert, obwohl ein Großteil der Finanzen vom Staat stammen.
Frerk betrachtet es als Etikettenschwindel, wenn solche Aktivitäten als Leistung der Kirche verkauft werden, obwohl der Staat mehr als die Hälfte der kosten finanziert.
Als besonders respektlos empfindet Frerk dabei die Anmaßung der Kirche im Rahmen ihrer Hilfsorganisationen in muslimisch geprägten Ländern zu missionieren oder im Falle eines in Afghanistan gefallenen Soldaten aus Ostdeutschland die Trauerfeier durch ihre unübersehbare Präsenz zu vereinnahmen.
Zusätzlich beansprucht die Kirche mithilfe einer sprachlichen Verschiebung des Verfassungtexts ein „Selbstbestimmungsrecht“, anstelle eines „Selbstverwaltungsrechts“. Dadurch kann sie ohne Kontrolle von außen nach eigenem Rechtsverständnis ordnen und auftreten.Dadurch wird sie zu einem rechtseigenen Raum neben dem Staat. „Ein feudaler Fremdkörper in einem demokratischen Staat“, bezeichnet es Frerk.
Auf diesen- geradezu himmlischen- einstündigen Einblick folgte eine Publikumsdiskussion. Der gemeinsame Konsens diesem Missstand entgegenzuwirken war dabei schnell gefunden. Trotz vereinzelter Skepsis erklärte Frerk, dass man sich insgesamt auf einem guten Weg befinde. Er nannte Namen von Ansprechpartnern aus allen Bundestagsparteien, die ähnliche Ziele verfolgen. Zusätzlich erfährt das Thema zunehmende Aufmerksamkeit wie beispielsweise einen kürzlich erschienen ausführlichen Bericht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ).
„Es muss weiter aufgeklärt werden“, forderte Frerk. „Und schließlich ist es ja auch kein Geheimnis, was ich erzähle“.
„Es handelt sich um ein parteiübergreifendes Gemeinschaftsprojekt“, bemerkte Dr. Dr. Joachim Kahl. „Es wird zwar seine Zeit dauern, bis wir Erfolge erzielen können, aber wir sind im Aufwind“.

Giulia Coda

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