Massenmörder als Geheimagent des BND – Peter Hammerschmidts Forschungen über Klaus Barbie

„Sehr geehrter Herr Hammerschmidt!“ Mit dem Zitat aus einer freundlichen Absage des Bundesnachrichtendienstes (BND) begann der Historiker Peter Hammerschmidt am Mittwoch (26. Oktober) im Hessischen Staatsarchiv seinen Vortrag „Auf den Spuren des Schlächters von Lyon – Über den SS-Verbrecher Klaus Barbie in Marburg“. Die Veranstaltung wurde von der Geschichtswerkstatt Marburg, der Zeitgeschichtlichen Dokumentationsstelle Marburg (ZDM) und der Kulturellen Aktion Marburg – Strömungen organisiert.

Im voll besetzten großen Saal des Staatsarchivs am Friedrichsplatz zeigte der Referent ein Bild des Hauses Barfüßerstraße 35. Dort hatte der 1913 geborene Barbie kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs unter einem Pseudonym gelebt. Gut 100 Jahre zuvor hatten im gleichen Haus die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm gewohnt.

Zwar gab sich Barbie damals als Student aus, doch in Wirklichkeit baute er die „Organisation sozialistisches Deutschland“ (OSD) auf, in der sich ehemalige Nazi-Schergen auf neue Aufgaben in westlichen Geheimdiensten vorbereiteten. Mit dem Aufkommen des „Kalten Kriegs“ erwarteten sie ein wachsendes Interesse dieser Dienste an ihren „Kenntnissen“ und „Erfahrungen“ im Umgang mit Kommunisten und Partisanen.

Tatsächlich hatte der US-amerikanische Geheimdienst CIC die OSD schon bald im Visier. Barbie indes wurde wahrscheinlich schon damals vom CIC gedeckt. Jedenfalls gelang es ihm, vor der damaligen Hauptpost an der Bahnhofstraße aus einem offenen Jeep der US-Army abzuspringen und zu flüchten.

Seine grausigen „Erfahrungen“ als Folterer und seine Kenntnisse über Verhörmethoden sowie über den Kampf gegen Kommunisten und Partisanen machte der CIC sich spätestens 1947 zunutze. Als Chef der Geheimen Staatspolizei (GeStaPo) im besetzten Lyon war Barbie zwischen 1942 und 1945 für mehr als 4.000 Morde und weit mehr als 14.000 weitere Menschenrechtsverletzungen verantwortlich.

Während in Frankreich und Deutschland gegen ihn ermittelt wurde, spähte Barbie zunächst in Süddeutschland vermutete Kommunisten und Sozialisten aus. Als der Fahndungsdruck vor allem der französischen Justiz stärker wurde und deswegen sogar diplomatische Verwicklungen drohten, sorgte der CIC dafür, dass Barbie 1951 über die sogenannte „Rattenroute“ nach Lateinamerika flüchten konnte.

In der bolivianischen Hauptstadt La Paz fand er einen sicheren Unterschlupf. Nach kurzer Zeit bereits verhalf ihm die Freundschaft zum dortigen Staatspräsidenten zu finanziellem Wohlstand und sogar zu einem Diplomatenpass.

Als Chef der staatlichen Reederei fädelte Barbie Rüstungsgeschäfte zwischen Deutschland und Bolivien ein. Dabei half ihm sein Sohn, der die Reederei in Hamburg repräsentierte und enge Kontakt zu den deutschen Geschäftspartnern hielt.

Zur Tarnung benutzte Barbie damals den Namen Klaus Altmann. Doch rühmte er sich seiner Mitgliedschaft in der SS, in der er zuletzt den Rang eines Hauptsturmführers bekleidet hatte.

All diese Fakten trug Hammerschmidt im Staatsarchiv ebenso vor wie einen kurzen Rückblick auf Barbies eher traurige Kindheit und seine grausamen Verbrechen im besetzten Frankreich. Auf seinen Schriftwechsel mit dem BND kam er kurz vor Schluss wieder zurück, indem er dessen Ergebnisse anhand eines Filmbeitrags aus der Fernsehsendung „Titel, Thesen, Temperamente“ zeigte.

Mit der Ablehnung des BND hatte Hammerschmidt sich nicht zufriedengegeben. Eine Intervention beim Bundeskanzleramt verhalf ihm schließlich doch noch zum gewünschten Einblick in Barbies Akten beim BND in Pullach.

Dabei fand der 24-jährige Geschichtsstudent heraus, dass der gesuchte Massenmörder im Jahr 1966 für mehrere Monate auf der Gehaltsliste des BND stand. Neben 500 DM monatlich erhielt er zusätzliche Gratifikationen und Boni für besonders erfolgreiche Leistungen.

Zu seinen Aufträgen zählten damals Berichte über die wirtschaftlichen Entwicklungen in Lateinamerika wie auch über sozialistische oder kommunistische Tendenzen. Über seine Identität müssen seine Auftraggeber nach Hammerschmidts Einschätzung Bescheid gewusst haben. Doch kündigte der BND seine Zusammenarbeit mit „Altmann“ alias Barbie erst auf, als der Agent eine Einladung zu einem Lehrgang in Deutschland mit der Begründung ablehnte, dass die Schwerpunktstaatsanwaltschaft gegen Nazi-Kriegsverbrechen in Ludwigsburg gegen ihn ermittle und er in Deutschland und Frankreich mit Haftbefehl gesucht werde.

Noch in den 70er Jahren rühmte sich Barbie, „Kopf der besten Einheit der SS“ gewesen zu sein. Lateinamerikanische Diktaturen luden ihn zu Vorträgen ein, in denen er über „Verhörmethoden“ sprach.

Letztlich gefangengenommen und vor Gericht gestellt wurde Barbie 1983 aufgrund der Aktivitäten von Serge und Beate Klarsfeld. Mit ihr hat Hammerschmidt seine Rechercheergebnisse ausgetauscht.

Besonders im kollektiven Bewusstsein der Franzosen verankert ist der Abtransport von 41 Kindern aus dem jüdischen Waisenhaus in Izieu und ihre Ermordung im Konzentrationslager Auschwitz. An dieser Aktion war Barbie persönlich beteiligt. Hammerschmidt verlas ein Telegramm, mit dem Barbie seinen Vorgesetzten in erschütternder Weise seinen „Erfolg“ meldete.

Vor Gericht stellte sich Barbie jedoch als kleines Rädchen im Getriebe dar, das in eine Struktur von Befehl und Gehorsam eingebettet gewesen sei. Zeugen hingegen schilderten ihn als Folterer, der sichtlich Befriedigung an den Schmerzen seiner Opfer empfunden habe.

1987 wurde Barbie wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt. 1991 starb er.

Für Hammerschmidt ist er nur einer von vielen Nazi-Verbrechern, deren Wirken noch nicht genügend aufgearbeitet ist. Die Einsetzung einer vierköpfigen Historiker-Kommission zur Aufarbeitung der Geschichte des BND sieht er zwar als erfreuliches Zeichen, doch erwartet er sich nicht allzuviele neue Ergebnisse von ihr. Zu groß seien die Einschränkungen, die operative Methoden und den Informantenschutz als Ausschlussgrund für eine weitere Auswertung von Akten vorgeben.

Doch sei eine vorbehaltlose Aufarbeitung gerade dieses Kapitels überaus wichtig, betonte Hammerschmidt nachdrücklich: Eine Demokratie könne nur so stabil sein wie die Säulen, auf denen sie fußt.

In einer – durch erstaunliche Sachkenntnis der Fragesteller geprägten – Diskussionsrunde ließ der junge Historiker kaum Fragen offen. Spontan griff er die Anregung auf, eine Meldestelle für Erkenntnisse über nationalsozialistische Verstrickungen einzurichten: „An so etwas bin ich immer interessiert!“

Zum Schluss berichtete Hammerschmidt von seinem Kontakt zu Barbies Tochter, die heute in Bad Kufstein lebt. Er habe sie gefragt, wie man sich fühlt, wenn man die Tochter des „Schlächters von Lyon“ ist.

Ihre Antwort verwies auf den großen Respekt, den der Beruf des Metzgers in Frankreich genieße. Das Wort „Schlächter“ könne man deswegen auch als anerkennende Auszeichnung verstehen.

Franz-Josef Hanke

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