Die Brüder Grimm, das Grundgesetz und die deutsche Geschichte Heribert Prantl erhielt Auszeichnung der Uni Marburg

Als „Knastologen“ stellte Prof. Dr. Karl Braun am Montag (4. Februar) den Besuchern der Alten Universität den Journalisten Prof. Dr. Heribert Prantl vor. In der vollbesetzten Alten Aula der Philipps-Universität nahm der Redakteur der Süddeutschen Zeitung (SZ) den mit 5.000 Euro dotierten Brüder-Grimm-Preis 2012 entgegen.

„Heribert Prantl ist einer, der sich mit Engagement, Sachverstand, breitem Wissen und Wissensdurst für die Gestaltung der politischen Kultur im Sinne demokratisch verfasster Grundsätze einsetzt und nicht nachlässt, für deren Ausgestaltung zu kämpfen“, erklärte Braun. Mit seiner Darstellung des Preisträgers als „Knastologe“ spielte der Ethnologe in seinem Vortrag „die ethnographische Exkursion in die Wirklichkeit der Gefängnisse“ auf eine Reportage Prantls an. Vier Tage lang hatte der Jurist und Journalist 2009 in der Haftanstalt Oldenburg zugebracht, um die Erfahrung eines Strafgefangenen einmal am eigenen Leib zu erleben.

Als Richter und Staatsanwalt habe er nie länger als eine Stunde im Gefängnis verbracht, berichtete Prantl anschließend. Dabei habe er selbst Strafen von bis zu sieben Jahren verhängt und bis zu 14 Jahren gefordert.

Nach Tätigkeiten als Rechtsanwalt, Richter und Staatsanwalt war Prantl 1988 in den Journalismus umgestiegen. Als Leiter der Redaktion „Innenpolitik“ gehört er auch der Chefredaktion der SZ an.

Braun wie auch der Marburger Rechtsanwalt und HU-Mitstreiter Dr. Peter Becker würdigten ihn als „Verfassungspositivisten“, der sich für die Verwirklichung des Grundgesetzes in Geist und Buchstaben einsetze. Becker zitierte zahlreiche Artikel, die Prantl zu unterschiedlichen Fragestellungen von Rechtsprechung, Verfassungstreue, Sozialer Gerechtigkeit und Frieden verfasst hatte.

In seiner Dankesrede unter dem Titel „Die Brüder Grimm, meine Großmutter und die Kraft der Provinz“ schlug der Preisträger dann einen Bogen von seinen eigenen Aktivitäten zu den Namensgebern des Preises. Die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm hätten mehr mit ihm zu tun, als er vor seiner Auszeichnung mit dem Brüder-Grimm-Preis gedacht hatte, erklärte Prantl.

Mit der Bibel und Grimms Märchen habe seine Großmutter ihm das Lesen beigebracht, berichtete Prantl. Seit seiner Kindheit hätten die Brüder Grimm ihn immer begleitet.

Ihr größtes Projekt hätten sie nicht selber verwirklichen können. Dennoch hätten sie 1838 das deutsche Wörterbuch begonnen, das erst 123 Jahre später fertig wurde. Die Gemeinschaftsarbeit der beiden Brüder habe eine so starke Kraft entfaltet, dass Germanisten der beiden deutschen Staaten selbst in Zeiten des Kalten Kriegs an ihrer Fortführung zusammengearbeitet haben.

Die Bezeichnung der deutschen Sprachwissenschaft mit dem Wort „Germanistik“ gehe auf die Brüder Grimm zurück. Ihr Interesse habe der Volkskunde gegolten, die sie freilich immer europäisch und sehr weit interpretiert hätten.

Dass sie keine biederen „Studierstubengelehrten“ waren, wies Prantl anhand ihrer Lebensgeschichte nach. Die beiden Professoren gehörten schließlich zu den „Göttinger Sieben“, die 1837 gegen die Aushebelung der Verfassung durch den König August von Hannover protestierten.

„Wenn die Wissenschaft hier kein Gewissen mehr haben darf, muss sie sich eine andere Heimstatt suchen“, erklärten sie mutig. Dieser öffentliche Protest sei einer der Grundpfeiler der 1848er Bewegung geworden.

In der Paulskirche habe Jakob Grimm in der ersten Reihe ganz in der Mitte direkt vor dem Rednerpult gesessen. Unpolitisch – wie viele Wissenschaftler ihn später gerne gesehen hätten – sei er zweifelsfrei nicht gewesen.

Voller Bewunderung zitierte Prantl einen Antrag des Märchensammlers an die deutschen Nationalversammlung, der der Mehrheit der Abgeordneten dort allerdings zu revolutionär gewesen sei: „Alle Deutschen sind frei, und deutscher Boden
duldet keine Knechtschaft. Fremde Unfreie, die auf ihm verweilen, macht er frei“.

Dise Formulierung Grimms verglich Prantl mit dem Artikel 1 des Grundgesetzes über die Unantastbarkeit der Würde des Menschen. Mit dem Philosophen Immanuel Kant forderte er, dass sich Gesetze nicht an der Politik ausrichten müssten, sondern die Politik an den Gesetzen.

Als er über die Preisverleihung informiert wurde, habe er die Recherche-Abteilung der SZ gebeten, einmal Bezüge in seinen Artikeln zu den Brüdern Grimm herauszusuchen. Daraufhin sei ein großer Stapel Papier auf seinem Schreibtisch gelandet, berichtete Prantl.

In einem Leitartikel hatte Prantl den ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl getreu dem Titel eines Grimmschen Märchens als „Einen, der auszog, das Fürchten zu lernen“ bezeichnet. Für die Grünen sei Joschka Fischer ein „Froschkönig“. Die SPD schließlich fange die „Sterntaler“, die ihr vom Himmel herab in den Schoß fallen, nicht auf, sondern überlasse sie der Linkspartei.

„Es ist auch diese Formulierungskunst, die Heribert Prantl in eine Reihe mit den Brüdern Grimm und in die beste Tradition deutscher Essayistik stellt“, erklärte die Jury in ihrer Preisbegründung. Prantls brillant vorgetragene Dankesrede untermauerte diese Aussage eindrucksvoll.

Den trockenen, spröden Charakter des Grundgesetzes habe Prantl in seinem „Liebeskummer-Brief“ beklagt. Das Grundgesetz sei weniger schwungvoll und sprachgewaltig als andere Verfassungen. Darum wünschte sich der Laudator Becker ein „Verfassungs-Lesebuch, in dem die interessantesten und lehrreichsten Artikel des „Verfassungsfans“ Prantl zusammengefasst sein sollten.

Franz-Josef Hanke

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