Der Andere könnte Recht haben – Marburger Philosoph Joachim Kahl feierte seinen 75. Geburtstag

„Der Andere könnte Recht haben.“ Mit diesem Zitat des Philosophen Prof. Dr. Hans-Georg Gadamer kennzeichnete der evangelische Pastor Jürgen Mette die Haltung des Philosophen Dr. Dr. Joachim Kahl bei ihren Streitgesprächen im Fernsehen, bei öffentlichen Veranstaltungen oder auch bei regelmäßigen privaten Treffen in einem Marburger Café.

Rund 90 Gäste waren am Samstag (14. Mai) Kahls Einladung ins Tecchnologie- und Tagungszentrum (TTZ) gefolgt. Mit Weggefährten und Freunden wie auch mit freundlichen Widersachern feierte der Marburger Philosoph dort seinen Geburtstag.

Kahl wurde am 12. Mai 1941 in Köln geboren. Bekannt wurde er 1967 mit seiner Streitschrift „Das Elend des christentums“. Darin setzte sich der junge Theologe mit seinen Zweifeln am Glauben auseinander, die eine ganze Generation der sogenannten 68er zur Lektüre seines Buchs animierten.

Der Religionskritik ist Kahl seither treu geblieben. Nach wie vor tritt er bundesweit als Referent zu Fragestellungen rund um Christentum und Islam oder zu einer Ethik des Humanismus auf.

Pastor Mette beschrieb seinen Widersacher als jemanden, der zwar hart in der Sache argumentiere, dabei aber immer den Respekt vor dem Gegnüber wahre. Deswegen gelte für ihn der Leitsatz, mit dem der einstige Marburger Hochschullehrer Gadamer seine jahrzehntelange Beschäftigung mit der Methode der „Hermeneutik“ zusammengefasst hatte.

Mehrere Vertreter laizistischer Organisationen würdigten Kahl als engagierten Mitstreiter. 1962 war er auch Mitbegründer der Humanistischen studenten-Union (HSU), deren hessischen Landesvorsitz er unmittelbar nach der Gründung der HU-Jugendorganisation auch übernahm.

Mit einem eigenen Vortrag regte Kahl seine Festgäste zum Nachdenken über Heinrich Heines „Loreley“ an. Das weltweit meistgesungene deutschsprachige Lied analysierte er aus philosophischer Sicht.

Heine habe darin eine ältere Geschichte des Romantikers Clemens Brentano aufgegriffen. Sie wiederum spiele auf die antike Überlieferung der „Sirenen“ an, die in Homers Odyssee den mutigen Titelhelden in Gefahr bringen. Doch im Gegensatz zum listenreichen Odysseus meistere der Schiffer in Heines Gedicht die drohende Gefahr nicht.

Vielmehr lasse sich der Schiffer von der singenden Frau mit dem goldenen Haar ablenken und achte deshalb nicht auf die Klippen im Rhein. So koste seine Hinwendung zur Lust ihn letztlich das Leben. Gier und Genusssucht siegten damit über Vorsicht und Realitätssinn.

In einer kurzen Diskussion mit mehreren Anwesenden wurde Kahls Interpretation durch feministische Blickwinkel und einen Verweis auf den satirischen Charakter des Texts als Kritik an Obrigkeitshörigkeit und an der falschen Hoffnung auf etwas Höheres ergänzt. Zudem fügten Gäste eine „Sächsische Loreley“ und einen entsprechenden Text von Erich Kästner hinzu.

Durch alle Gratulationsreden zog sich wie ein roter Faden der Wunsch, dass Kahl noch lange weitere Anregungen vermitteln und viele solche Debatten anstoßen möge. Ihre Freundschaft zu dem Marburger Philosophen und religionskritiker bekundete Prof. Dr. Marita Metz-Becker schließlich mit dem auswendigen Vortrag der Ballade „Die Bürgschaft“ von Friedrich Schiller. An Kahl und seine Ehefrau Anna gewandt, zitierte sie die Schlusszeile: „Ich sei, gewährt mir die Bitte, in Eurem Bunde der Dritte!“

Franz-Josef Hanke

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