Was ist „krank“ und was ist „normal“? – Lutz Götzfried erhielt das Marburger Leuchtfeuer 2016

„Die sozialpolitische Landschaft in Marburg und weit darüber hinaus wäre ohne Lutz Götzfried ärmer.“ In diesem Satz fasste Roland Stürmer sein Lob für den Preisträger des Marburger Leuchtfeuers 2016 zusammen. Der Psychologe und ehrenamtliche Stadtrat der Universitätsstadt Marburg hielt am Mittwoch (1. Juni) die Laudatio auf Götzfried.

Mit dem Marburger Leuchtfeuer für Soziale Bürgerrechte haben die Universitätsstadt Marburg und die Humanistische Union (HU) den gelernten Buchbinder und Sozialarbeiter bei einer Feierstunde am Mittwoch im Historischen Saal des Marburger Rathauses ausgezeichnet. In seiner Begrüßungsrede hob Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies hervor, dass die Ehrung als Selbstvergewisserung diene, mit der die Bedeutung ehrenamtlichen Einsatzes für die Teilhabe sozial benachteiligter menschen am Gemeinschaftsleben als herausragende Leistung für die Allgemeinheit gewürdigt werde.

„Sinnstiftende Arbeit für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen unter maßgeblicher Berücksichtigung ihrer individuellen Problemlage ist seit vielen Jahren ein Arbeitsschwerpunkt von Lutz Götzfried“, erklärte die Jury in ihrer Preisbegründung. „Dabei verbindet er die Teilhabe am Arbeitsmarkt mit der behutsamen Stärkung des Selbstwertgefühls der Betroffenen und der Förderung von städtischer Kultur.“

Der – von ihm mitgegründete – Verein „MOBilO e.V.“ hat sich zur Aufgabe gemacht, Arbeitsplätze für Menschen mit psychischer Behinderung zu schaffen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt nur geringe Chancen haben. Dabei fühlt sich der Verein dem Prinzip der Selbsthilfe gegen Arbeitslosigkeit und soziale Isolation verpflichtet.

Als Sprecher der Jury dankte der frühere Oberbürgermeister Egon Vaupel dem Preisträger für sein Engagement: „Dabei bleibt festzuhalten, dass durch die Arbeit von MOBiLo der Spiegelslustturm, wie wir ihn alle im Volksmund bezeichnen, aus dem Schattendasein herausgetreten ist und zu einem kulturellen Ausflugsziel mit hoher Aufenthaltsqualität für Jung und Alt wurde. Dafür möchten wir auch mit dem Preis danken und der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass die Arbeit für die Zukunft gesichert bleibt und als Leuchtfeuer weiterhin soziales und gerechtes Leben animiert und Beispiel gibt.

In seiner Laudatio zeichnete Stürmer zunächst Götzfrieds Lebensweg vom Inhaber einer Druckerei zum wichtigen Vorkämpfer der Antipsychiatrie-Bewegung nach. Dabei verwies der Psychologe auf die Zustände in Psychiatrischen Einrichtungen zu Beginn der 70er Jahre. Bis zu 60 Menschen seien damals in einem einzigen Schlafsaal untergebracht und mit hoch dosierten Meddikamenten ruhiggestellt worden.

„Die Psychiatrie erschien mir wie ein halbes Konzentrationslager“, hatte Götzfried damals zu seiner Motivation für die Arbeit mit seelisch beeinträchtigten Menschen einmal erklärt. Behutsam habe er sich der Frage gestellt, was eigentlich „krank“ und was „normal“ ist, berichtete Stürmer.

Als Student habe er selbst vor knapp 40 Jahren bereits von dem eindrucksvollen Wirken Götzfrieds gehört, erinnerte sich Stürmer. Später wurde Stürmer Vorsitzender der Bürgerinitiative für Sozialpsychiatrie, deren zweiter hauptamtlicher Mitarbeiter Götzfried gut 40 Jahre laang war.

Eindrucksvoll erklärte Stürmer, was „verrückte“ von sogenannten „normalen“ Menschen unterscheidet: Ihnen fehlten Filter, die das Innere vom Äußeren trennen und ihnen erlauben, Unangenehmes zu verdrängen oder einfach nur hinzunehmen. Wahrnehmungen von außen nähmen sie als „innere Stimmen“ wahr oder fürchteten sich vor ihnen bis hin zu existenzbedrohlichen Angstzuständen.

Jahrzehntelang habe die Gesellschaft solche Menschen verdrängt und ausgegrenzt. Erst die Auseinandersetzung mit dem Faschismus habe ein Umdenken eingeleitet, das Götzfried maßgeblich mit befördert habe.

Seine Bereitschaft, sich auf seine Mitmenschen und ihre Ängste einzulassen, kennzeichne Götzfrieds Ansatz jenseits der klassischen Institutionen. Dabei sei sein Einsatz für die soziale Teilhabe aller Menschen eine gelungene Symbiose mit seinen kulturellen Interessen eingegangen, die sich im Kulturprogramm des Spiegelslustturms sehr erfolgreich manifestiere.

Von seiner Vielseitigkeit gab Götzfried bei der Feierstunde mehrere Beispiele ab. Gemeinsam mit Jochen Schäfer sang er einen „Marburg-Blues“ und den „Karriere-Song“. Seine Dankesrede beendete er mit dem gesungenen Gedicht „ir sanften Irren“ des Psychiatrie-erfahrenen Münchner Lokaldichters Peter-Paul Althaus.

Zuvor hatte Götzfried von der Entstehungsgeschichte seines Psychiatrie-Kabaretts berichtet und den Zweifeln, ob man über dieses Thema witze machen dürfe. Seine Auszeichnung widmete er seiner Ehefrau Carin Götzfried und den vielen Mitwirkenden im Turmcafé: „Ich wäre bei der Auswahl des Preisträgers nie auf mich selber gekommen und auch nicht darauf, dass ich einmal die Ehre habe, zu dem besonderen Kreis der bisherigen Preisträger gehören zu dürfen.“

Franz-Josef Hanke

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