Mut zur Wahrheit: Preisbegründung der Jury für das Leuchtfeuer 2017

Egon Vaupel

Jury-Sprecher Egon Vaupel trägt die Preisbegründung vor (Foto: Dragan Pavlovic)

Das Marburger Leuchtfeuer für Soziale Bürgerrechte 2017 verleihen die Universitätsstadt Marburg und die Humanistische Union (HU) Katharina Nocun als leuchtendes Beispiel für herausragenden ehrenamtlichen Einsatz zugunsten vielfältiger Sozialer Bürgerrechte.
Mit der Auszeichnung würdigt die Jury das breit aufgestellte Engagement der Preisträgerin in unterschiedlichsten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Insbesondere zeichnet sie ihr Engagement gegen Rassismus und Rechtspopulismus sowie für die Rechte geflüchteter Menschen aus.
Die in Polen geborene Polit-Aktivistin hat sich die Aufklärung über Programmatik und Politik der „Alternative für Deutschland“ (AfD) ebenso zum Anliegen gemacht wie das Engagement gegen den Abbau von Arbeitnehmerrechten und sozialer Infrastruktur durch sogenannte „Freihandelsabkommen“ wie CETA und TTIP. Aber auch ihren herausragenden Einsatz für den Datenschutz betrachtet die Jury als vorbildliches Engagement für soziale Bürgerrechte. Darüber hinaus hat sich Nocun auch mit so unterschiedlichen Themen wie dem Burnout bei Polit-Aktivisten oder dem Respekt vor jedem Menschen unabhängig von seiner persönlichen Leistung befasst.
Der Rechtsstaat zeichnet sich durch die Unschuldsvermutung bis zum Nachweis einer Straftat aus. Für dieses demokratische Grundprinzip setzt sich Katharina Nocun sowohl mit ihren Verfassungsbeschwerden gegen die Bestandsdatenauskunft und die Vorratsdatenspeicherung (VDS) sowie andere Überwachungsgesetze ein als auch in ihrer Auseinandersetzung mit rechtspopulistischen Parolen und Parteien.
Vorbildlich ist für die Jury dabei der argumentative Ansatz ihrer Kritik: Nocun belegt beispielsweise die „Alternative für Deutschland“ (AfD) nicht vorab mit abwertenden Etiketten, sondern zeigt anhand ihrer Parteiprogramme Parallelen zu geschichtlichen Erfahrungen auf und stellt die Auswirkungen der dort gestellten Forderungen dar. Dabei wendet sie sich insbesondere auch an die Wahlberechtigten, die dieser Partei ihre Stimme geben wollen, obwohl das Parteiprogramm sich gegen die Interessen gerade dieser Menschen richtet.
„Um ein Programm zu verstehen, muss man den Quelltext lesen“, sagt sie. Nach dieser bewährten Hacker-Devise entzaubert sie die Rechtspopulisten, indem sie aus ihrem Parteiprogramm zitiert.
2013 wurde Nocun zur politischen Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschland gewählt. Davor war sie beim Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) als Campaignerin für Surferrechte beschäftigt. Mit ihrer Tätigkeit beim Verein „Wikimedia“ hat sie sich für eine möglichst umfassende Verbreitung kostenlosen Wissens durch die Online-Enzyklopädie „Wikipedia“ eingesetzt.
Ehrenamtlich engagiert sich „Kattascha“ im Beirat des Whistleblower-Netzwerks. Außerdem ist sie Mitglied des Vereins „Digital Courage“, der alljährlich die „Big Brother Awards“ verleiht.
Ihre umfassenden Aktivitäten für den Schutz der Privatsphäre betrachtet die Jury als vorbildliches Engagement für Soziale Bürgerrechte. In Zeiten von „Big Data“ werden Freiheitsrechte nicht nur durch staatliche Überwachung bedroht, sondern auch durch Algorithmen zur Erstellung von Kundenprofilen zu Werbezwecken. Dabei droht soziale Ausgrenzung ebenso wie psychologisch ausgerichtetes Marketing unter gezielter Ausnutzung intimer persönlicher Eigenschaften.
Bei Campact hat Nocun Kampagnen gegen die Freihandelsabkommen CETA, TTIP und TISA sowie zum „Asyl für Edward Snowden“ unterstützt. Zuletzt hat sie eine Kampagne für einen Volksentscheid über das Freihandelsabkommen „CETA“ in Schleswig-Holstein geleitet. Im Stadtverordnetensitzungssaal hat sie über dieses Thema mit dem stellvertretenden SPD-Bundesvorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel diskutiert.
„Dank Abkommen wie TTIP und CETA wird der Raum für demokratische Entscheidungen immer kleiner“, warnt Nocun in ihrem Internetblog www.kattascha.de. „Wenn wir unsere Demokratie irgendwann zu Tode auf marktkonform optimiert haben, bleibt davon nichts mehr übrig. Ich wünsche unseren Kindern jemanden, der ihnen sagt: Du bist nicht Dein Schulabschluss. Du bist nicht Dein Marktwert. Du bist nicht Dein Bankkonto. Du bist nicht Deine Herkunft. Du bist ein einzigartiger Mensch, der mehr verdient, als von Sachzwängen verwaltet zu werden. Vergiss das niemals. Und fordere es auch ein!“
Klarer kann man nach Ansicht der Jury den Respekt vor allen Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer sozialen oder wirtschaftlichen Stellung und ihren Bildungserfolgen kaum ausdrücken. Das in diesem Text vertretene Menschenbild erfüllt nach Auffassung der Jury in geradezu idealer Weise die Kriterien des Marburger Leuchtfeuers für Soziale Bürgerrechte zugunsten eines herausragenden Einsatzes für die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben.

Egon Vaupel

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