#Wirsindmehr gegen Gewalt: Gut 7.500 Menschen demonstrierten in Marburg

„Wir sind mehr.“ Immer wieder hallte dieser Ruf am Freitag (7. September) laut durch Marburg. Mehr als 7.500 Menschen waren dem Aufruf zur Demonstration gegen Rechtsextremismus gefolgt.
„Von der Linkspartei bis zur CDU und vom Bettenhaus bis zur evangelischen Kirch“ waren alle gekommen, freute sich Oberbürgermeister Dr. thomas Spies zur Eröffnung der Abschlusskundgebung auf dem Marktplatz. Während sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor dem Rathaus drängelten, stand der Demonstrationszug in der Barfüßerstraße noch bis zur Augustinertreppe.
Losgelaufen waren die Demonstrierenden kurz nach 17 Uhr beim Erwin-Piscator-Haus (EPH) an der Biegenstraße. Dessen Vorplatz war ebenso dicht mit Menschen gefüllt wie gegenüber der Platz vor dem Hörsaalgebäude (HSG).
Einstimmig hatten alle Parteien der Stadtverordnetenversammlung (StVV) am Freitag (31. August) zur Demonstration gegen Gewalt und Rechtsextremismus aufgerufen. Ihm schlossen sich 120 Vereine, Organisationen und Firmen von der Philipps-Universität über das Hessische Landestheater Marburg (HLTM) über Antifa-Gruppen und die Humanistische Union (HU) bis hin zum Runden Tisch der Religionen an.
Ebenso vielfältig wie die Aufrufer war auch das Publikum bei dieser Demonstration. Jugendliche, Studierende, Erwerbstätige, Seniorinnen und Behinderte prägten das Bild dabei ebenso wie bekannte Persönlichkeit aus Politik, Wirtschaft, Universität und Stadtgesellschaft.
Nieselregen setzte ein, als sich die Demonstration auf der Biegenstraße in Bewegung setzte. Als die Menschen hinauf in die Oberstadt liefen, ließ der leichte Regen jedoch allmählich nach.
Man dürfe niemanden im Regen stehen lassen, forderte Oberbürgermeister Spies auf der Abschlusskundgebung. Die Gesellschaft dürfe niemanden zurücklassen und ihm das Gefühl geben, er werde abgehängt. Doch dürfe dieses Gefühl kein Grund sein, sich Rechtspopulisten oder Neofaschisten anzuschließen oder auch nur bei Demonstrationen neben ihnen zu laufen.
„Eine Demonstration, wo der Hitlergruß gezeigt wird, kann man verlassen“, stellte Spies klar. Unter tosendem applaus erklärte das Stadtoberhaupt, das Hetze gegen Geflüchtete oder die Jagd auf Menschen mit ausländischem Aussehen nicht hinnehmbar sind. „Diejenigen, die tagtäglich gegen Rassismus und Faschismus eintreten, haben unsere Unterstützung verdient“, erklärte er mit Blick auf die Antifa-Gruppen.
Immer wieder wurden die Reden am Freitagabend von lautem Beifall und rhythmischen Rufen „Wir sind mehr“ unterbrochen. Zwischen den Beiträgen spielte Robert Oberbeck lieder auf der Gitarre und sang dazu Texte in englischer Sprache. Besonders eindringlich war sein selbstgeschriebener Song „Theo und Anna“ über zwei 1944 ermordete Roma-Kinder aus Ebsdorfergrund-Heskem.
„Wir werden unsere Parlamente und Straßen nicht den Rechtsextremisten überlassen“, versprach die stellvertretende Stadtverordnetenvorsteherin Elke Neuwohner. Meinungsstreit innerhalb des Parlmaments sei gut und notwendig, wenn die StVV bei Angriffen auf die Demokratie ohne Wenn und Aber zusammenstehe.
Die Notwendigkeit der Vielfalt für die Wissenschaft bekräftigte Universitäts-Vizepräsidentin Prof. Dr. Evelyn Korn in ihrer Rede. Menschen aus 90 verschiedenen Ländern lehrten und lernten an der Philipps-Uiversität. Jede und jeder von ihnen sei ein einzigartiges Individuum, das Respekt und Empathie verdiene.
Von seinen Erlebnissen in Chemnitz berichtete anschließend Georg Simonsky. Mit einer Gruppe der SPD und anderen Aktiven war er am Freitag (31. August) nach Chemnitz gefahren, um dort ein Zeichen für Demokratie und gegen Hass zu setzen. Auf dem Rückweg zu ihrem Bus wurde die Gruppe am Abend von Nazis überfallen.
„Auf einer breiten Straße wurden wir plötzlich von 20 Personen umringt“, berichtete Simonsky. „Sie haben uns als Deutschland-Verräter beschimpft, unsere Fahnen zerrissen und einige von uns geschlagen und körperlich angegriffen. Uns allen steckt dieses Erlebnis immer noch in den Knochen.“
Ebenso wie Simonsky forderte anschließend auch Prof. Dr. Maximiliane Jäger-Gogoll ein klares Zeichen der Zivilgesellschaft gegen Faschismus. Die Literaturwissenschaftlerin und Friedensforscherin wünschte sich die Umsetzung eines Beschlusses der StVV, wonach die Stadt Marburg 200 Flüchtlinge zusätzlich zu den regulären Verteilungsquoten aufnehmen will. Allzu häufig sei Flucht die Folge deutscher Waffenexporte, europäischer Wirtschafts- oder Umweltpolitik sowie jahrhundertelangen Kolonialismus.
Ausdrücklich lobte sie Einrichtungen wie den Marburger Weltladen direkt am Marktplatz, der dort wichtige Aufklärungsarbeit für fairen Handel leiste, oder das „Kerner-Netzwerk“, das oberhalb des Platzes ein Begegnungszentrum für geflüchtete Menschen einrichten will. Unterstützt werde diese Arbeit nicht nur durch die Stadt, sondern auch durch die Kirche.
„Wir tun, was wir können“, betonte Dekan Burkhard Zurnieden für die Evangelische Kirche. Auch wenn die Kirche selbst sehr heterogen sei ebenso wie die Gesellschaft, müsse sie doch klare Haltung zeigen. „Solange wir mehr sind, ist das leicht; aber es ist auch nötig, wenn wir einmal in der Minderheit sind“, mahnte der Priester.
Am Akkordeon begleitete er anschließend den Gitarristen Oberbeck bei seinem letzten Lied. Tausendstimmig sangen die Anwesenden den Refrain mit.
Mit Bertolt Brechts Vermächtnis „An die Nachgeborenen“ hatte Schauspielerinnen und Schauspieler des HLTM die Kundgebung eingeleitet. Was besinnlich begonnen hatte, endete als riesige Ermutigung. Alle Anwesenden freuten sich über das starke Zeichen, das von dieser Demonstration ausging: „Wir sind mehr.“

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