Das Marburger Leuchtfeuer 2026 wurde am 30. Oktober an zwei „Flüchtlingshelfer“ verliehen. Franz-Josef Hanke hat in seiner Begrüßungsrede für die HU das Asylrecht in den Mittelpunkt gestellt.
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte Frau Stadtverordnetenvorsteherin, lieber Staatssekretär Sören Bartol, sehr geehrter Herr Landtagsabgeordneter Sebastian Sack, liebe Bürgermeisterin Nadine Bernshausen, liebe Stadträtin Kirsten Dinnebier, lieber Ex-Verfassungsrichter Schorsch Falk, sehr geehrte Frau Prof. Dr. Käßmann, sehr geehrter Herr Prof. Dr. El-Zayat, lieber Kurt Bunke, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde!
im Namen der Humanistischen Union begrüße ich Sie alle zur Verleihung des Marburger Leuchtfeuers 2026. Seien sie herzlich willkommen! Shalom und Salam miteinander!
Von der Jüdischen Gemeinde Marburg begrüße ich deren Vorsitzende Polina Solovei, Thorsten Schmermund und Hannelore Orbach, die Witwe unseres Leuchtfeuer-Preisträgers und Marburger Ehrenbürgers Amnon Orbach. Stellvertretend für die Evangelische Kirche begrüße ich Herrn Helmut Wöllenstein. Ebenso wie ihnen danke ich allen, die heute hierher in den Historischen Saal des Marburger Renaissance-Rathauses gekommen sind und wünsche mir, sie kommen nächstes Jahr wieder zur Verleihung des Marburger Leuchtfeuers 2027.
Mein ganz besonderer Dank gilt Frau Prof. Dr. Margot Käßmann dafür, dass sie auf Einladung ausgerechnet der Humanistischen Union die Laudatio auf beide Preisträger übernommen hat. Es war ein großes Glück, während der Vorbereitung dieser Preisverleihung auf diese klarsichtige und kluge Frau mit Haltung und Herz zählen zu dürfen. Danke dafür!
Danken möchte ich an dieser Stelle auch den Mitarbeiterinnen der Stadt, die weit über das erwartbare Maß hinaus an der Vorbereitung der Preisverleihung gearbeitet haben.
Leider leben wir in Zeiten, wo die politische Kultur mehr und mehr verroht. Das Jugendwort des Jahres 2026 ist „Ragebait“. Bei seiner öffentlichen Bekanntgabe am 10. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse kannte ich das noch nicht. Mittlerweile weiß ich aus eigener Erfahrung, was das bedeutet.
Seit der Bekanntgabe des diesjährigen Preisträgers des „Marburger Leuchtfeuers für Soziale Bürgerrechte“ ist eine Welle der Empörung über die Humanistische Union Marburg hereingeschwappt. Ein „Welt“-Artikel kritisierte, dass beim Marburger Leuchtfeuer angeblich „radikale“ Muslime mit einem Toleranzpreis ausgezeichnet würden. Doch das stimmt nicht: Wir zeichnen heute zwei Menschen aus, die sich für Geflüchtete, Frieden und Verständigung einsetzen. Wer den Dialog und die Zusammenarbeit zwischen Muslimen und Juden als „radikal“ kritisiert, der versteht offenbar die Welt nicht mehr, in der wir hier in Marburg friedlich und in gegenseitigem Respekt zusammenleben.
Die AfD hat die heutige Preisverleihung im Vorfeld kritisiert, weil ein Muslim, der Freundschaften mit Juden pflegt, nicht in ihr Feindbild passt. Mit Unterstellungen und Halbwahrheiten wurde eine Schmutzkampagne gegen Prof. Dr. Bilal Farouk El-Zayat angezettelt, deren eigentliches Ziel aber vermutlich weder er noch die Preisverleihung ist, sondern die weltoffene Haltung der Menschen in Marburg gegenüber Geflüchteten. Islamophobie und Rassismus sind die Zutaten dieser Rezeptur, auf der rechtspopulistische Hetzer ihr abgeschmacktes Süppchen kochen, das eine volkstümelnde Ostalgie mit Mopedausfahrten in einem knatternden und stinkenden Rückwärtsgang in Regierungsämter bringen soll.
Das Asylrecht im Artikel 16a des Grundgesetzes ist aber kein großzügiger Gnadenakt, sondern das Ergebnis einer verfassungsrechtlichen Verpflichtung Deutschlands zur praktizierten Mitmenschlichkeit nach den Greueln der Shoa. Ein erschütterndes Beispiel für die Unabweisbarkeit des Asylrechts ist das Schicksal des jüdischen Philosophen Walter Benjamin. Als er 1940 auf der Flucht vor den Nazis an der französisch-spanischen Grenze bei Portbou zurückgewiesen wurde, zog er den Freitod einer drohenden Deportation ins KZ vor.
„Zum Freitod des Flüchtlings W. B.“ schrieb ein Freund Benjamins ein Gedicht:
Ich höre, dass du die Hand gegen dich erhoben hast
Dem Schlächter zuvorkommend.
Acht Jahre verbannt, den Aufstieg des Feindes beobachtend
Zuletzt an eine unüberschreitbare Grenze getrieben
Hast du, heißt es, eine überschreitbare überschritten.
Reiche stürzen. Die Bandenführer
Schreiten daher wie Staatsmänner. Die Völker
Sieht man nicht mehr unter den Rüstungen.
So liegt die Zukunft in Finsternis, und die guten Kräfte
Sind schwach. All das sahst du
Als du den quälbaren Leib zerstörtest.
Der Autor dieses Gedichts war kein Geringerer als Bertolt Brecht. Ich würde diesen Text am liebsten jedem entgegenhalten, der von „Remigration“ oder „Zurückweisungen“ an den Grenzen faselt und dabei die möglicherweise mörderischen Folgen missachtet. Der Schutz von Menschen, die vor Krieg und Klimakatastrophen, Hunger und Verfolgung oder Folter fliehen, ist eine unabweisbare Menschenpflicht, deren Nichtbefolgung nichts Anderes bedeutet als Barbarei.
Mir wird angst und bange, wenn offizielle Vertreter der Taliban in Bonn und Berlin dabei mithelfen, Menschen nach Afghanistan abzuschieben. Nach Afghanistan: In jenes Land, wo Soldaten der deutschen Bundeswehr jahrelang ihr Leben riskiert haben gegen den Terror eben dieser Taliban! Dabei wird doch immer wieder behauptet, die Abschiebung sogenannter „Gefährder“ solle Terror verhindern. Sind offizielle Vertreter einer Terrorganisation wirklich geeignet, Deutschland vor Terrorismus zu schützen?
Wer mit Abschiebungen und deren Ankündigung Angst sät bei denen, die ohne dauerhaft gesicherten Status in Deutschland leben, darf sich später nicht wundern, wenn es hierzulande bald keine Pflegekräfte mehr gibt und keine Reinigungskolonnen, und keine Chirurgie, keine Vielfalt, sondern nur noch Einfalt.
Marburg ist anders. Marburg muss anders bleiben! Wenn die Verrohung der politischen Kultur bis in die Marburger Stadtverordnetenversammlung vordringt, ist unsere vordringliche Pflicht, einer solchen Partei, die das Blaue vom Himmel herunterlügt, die Gelbe Karte zu zeigen und sie bei der nächsten Wahl wegen Fouls des Spielfelds zu verweisen.
Alle hier im Saal können etwas dazu beitragen: Engagieren Sie sich in Bürgerrechtsorganisationen wie der Humanistischen Union oder in anderen Organisationen wie den „Omas gegen Rechts“, der „Seebrücke“ wie auch in Kirchen und Gemeinden oder Gewerkschaften! Treten Sie in demokratische Parteien ein und tragen Sie Ihre Haltung in die Politik hinein! Demokratie ist unser größtes gemeinsames Gut und bedarf unseres Engagements! Machen Sie mit und übernehmen Sie Verantwortung für das Gemeinwesen!
Die beiden Preisträger des Marburger Leuchtfeuers 2026 haben das in eindrucksvoller Weise getan. Ihr Vorbild soll Mut machen, sich einzumischen und mitzumischen, sich einzusetzen und miteinander auseinanderzusetzen. Dafür danke ich Herrn Prof. Dr. Bilal Farouk El-Zayat und Dr. Kurt Bunke ganz herzlich.
