Verhör: Der verdächtige Zauberberg

Bei dem Marburger Romanisten Prof. Dr. Werner Krauß fand 1942 eine Hausdurchsuchung statt. Anschließend wurde Krauß von der Geheimen Staatspolizei (GeStaPo) verhört.

Dieses Verhör dürfte höchstwahrscheinlich in der Marburger GeStaPo-Zentrale im „Kilian“ – der ehemaligen Kilianskappelle – am Schuuhmarkt stattgefunden haben. Bei der Aktion „Der verdächtige Zauberberg“ stellen wir die Vernehmung des Wissenschaftlers durch einen Kriminalbeamten der GeStaPo nach.
GeStaPo-Mann: „Wir haben ein verdächtiges Buch gefunden.“
Krauß: „Welches Buch finden Sie denn verdächtig?“
GeStaPo-Mann: „Der Zaubergerg!“
Krauß: „Der Zauberberg von Thomas Mann?“
GeStaPo-Mann: “ „Genau!“
Krauß: „Und was finden Sie an diesem Buch verdächtig?“
GeStaPo-Mann: „Dieses Buch ist deutschfeindlich und verjudet.“
Krauß: „Also ich habe darin bisher nichts entdecken können, was deutschfeindlich oder verjudet wäre.“
GeStaPo-Mann: „Das ganze Buch ist durch und durch verjudet.“
Krauß: „Sie haben sich ja offenbar eingehender mit dem Zauberberg befasst. Sicherlich können Sie mir leicht eine Stelle nennge, die deutschfeindlich oder verjudet ist.“
GeStaPo-Mann: „Was denken Sie denn! Sie glauben doch nicht etwa, dass ich mich mit so einem hetzerischen Machwerk beschäftigen würde!“
Krauß: „Und dann behaupten Sie, der Zauberberg sei deutschfeindlich!“
GeStaPo-Mann: Dieser Thomas Mann ist doch bekannt dafür, dass er ein übler Hetzer ist. Das betrifft ganz bestimmt auch dieses Machwerk.“
Krauß: „Sie haben das Buch also gar nicht gelesen.“
GeStaPo-Mann: „Glauben Sie etwa, ich läse solche verjudeten Bücher?“
Krauß: „Ich bin Wissenschaftler. Ich pflege nur über Dinge zu urteilen, die ich auch kenne.“
Ungefähr so hat sich Ende 1942 vermutlich hier im „Kilian“ das Verhör zugetragen, über das der Widerstandskämpfer Werner Krauß selbst später vor dem Landgericht Lüneburg berichtete. Dabei vermerkte er auch, dass die GeStaPo „die Feststellung zahlreicher marxistischer Literatur in meiner Bibliothek“ in der Hauptverhandlung nicht „gegen mich ausgewertet“ hat. Als Grund vermutette er, dass „man sich scheute, dieses heikle und zu Diskussionen verleitende Gebiet zu betreten“.

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