Das erschütternde Leben in Pohlheim – Wie Marburg allmählich ins Wanken kommt

Ich wohne in Pohlheim. Noch ist nicht ganz klar, ob Pohlheim nur aus Teilen der Marburger Nordstadt besteht oder sich über das gesamte Stadtgebiet erstreckt. Jedenfalls sind die Rosenstraße, die Bahnhofstraße und die Furthstraße das Zentrum von Pohlheim.

Das Luxus-Hotel „Rosenpark“ und das Café im „Kuchen-Tempelchen“ an der Rosenstraße bekommen bald Gesellschaft in unmittelbarer Nachbarschaft: Das Grundstück der Firma Seidel wird nach der Verlagerung des metallverarbeitenden Betriebs demnächst von Dr. Reinfried Pohl weitergenutzt werden. Auch das ehemalige Parkhaus an der Furthstraße nebst dem zugehörigen Geschäftsbau an der Bahnhofstraße sind einem Verwaltungsbau der Aachener und Münchener Lebensversicherung gewichen.

Seit dem Beginn der Abriss-Arbeiten Anfang Januar herrscht hier in der Furthstraße nur noch Terror: Ohne jede Rücksicht haben die Leute vom Bau losgelegt. Die Nachbarn haben sie dabei als Geiseln genommen, die sie tagtäglich terrorisieren.

Morgens um viertel vor sieben werde ich wach, weil der Boden unter meinem Bett schwankt. Gleichzeitig setzt auf dem Nachbargrundstück ein ohrenbetäubender Lärm ein.

Mal hält das Schwanken und Zittern des gesamten Hauses den ganzen Tag an, mal dauert es „nur“ einige Stunden oder gar Minuten. Mal dröhnen und hämmern die Baumaschinen nur zeitweise, mal rattert es den ganzen Tag über so laut, dass man sein eigenes Wort – geschweige denn den sprechenden Computer – nicht verstehen kann. Ende der Arbeiten ist regelmäßig erst nach 18 Uhr.

Auf der Rosenstraße bin ich neulich schmerzlich gestürzt. Auf dem Straßenpflaster hatte ein ungesicherter Schlauch gelegen. Feuerwehrleute nennen dergleichen „C-Rohr“.

Mit meinem Blindenstock hatte ich die Bordsteinkante ertastet. Dann stieß die Spitze des Stocks auf die Teerdecke der Straße. Als ihr gewohnheitsgemäß meine Füße folgten, traten sie auf etwas Merkwürdiges. Das Rohr rollte unter meinem Fuß beiseite und zog mir so die Beine unter dem Bauch weg.

Ich stürzte auf die Straße. Das war mein erster unfreiwilliger Kniefall vor Marburgs neuem Herrscher.

Als ich mich mit Hilfe einer jungen Passantin wieder aufgerappelt hatte und weitergehen wollte, hielt mich eine zweite Fußgängerin fest. Sonst hätte mich beinahe ein Auto überfahren, das gerade um die Ecke gebogen war.

Urheber dieses – freilich nicht gegen mich geplanten – Attentats waren die Bauleute von nebenan. Aus irgendwelchen Gründen benötigten sie für den Fortgang ihrer Arbeiten das Rohr zu einem Hydranten in der Rosenstraße. Eine mögliche Gefährdung blinder Bürgerinnen und Bürger kümmerte sie nicht.

Nachdem sie meinen Schrecken trotz polizeilicher Ermittlungen ohne weitere persönliche Entschuldigung übergangen hatten, hämmerten die Bau-Arbeiter weiter gegen das Haus, in dem ich wohne. Weiterhin terrorisieren sie mich und meine Nachbarn mit ihrem Lärm und wankenden Wänden sowie einem schwankenden Fußboden. Rücksicht kennen die nicht!

Das scheinen sie von ihrem Auftraggeber zu haben: Pohl wird vom Bund der Versicherten als „Chef der größten Drückerkolonne Deutschlands“ tituliert.

Ehemalige Beschäftigte seines „Struktur-Vertriebs“ haben eine eigene Internet-Seite gegründet. Auf www.exdvag.de empören sie sich über die menschenverachtenden Methoden der Deutschen Vermögensberatung AG (DVAG).

Im „Hotel Rosenpark“ finden deren Beiratssitzungen statt. Dann kommen alle wichtigen „Freunde“ des Dr. Reinfried Pohl nach Marburg.

Bei der Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Pohl saßen sie alle in vorderster Reihe im Historischen Saal des Marburger Rathauses: Ex-Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl, Ex-Kanzleramtsminister Dr. Friedrich Bohl, Ex-Bundesfinanzminister Dr. Theo Waigel und der Fußballtrainer Otto Rehagel gehörten zu der Schar der illustren Gäste.

Mit sechs Millionen Euro Steuern pro Jahr hatte sich der Versicherungs-Magnat bei der Stadt Marburg die Ehrenbürgerschaft erkauft. Peccunia non olet. Roma omnia venalia sunt.

Standhaft hatte sich Helmut Kohl einst geweigert, die Namen seiner „Spender“ zu nennen. Möglicherweise muss er das gar nicht mehr tun. Kohl, Bohl und Pohl scheint jedenfalls nicht nur der annähernde Gleichklang ihrer Nachnamen zu vereinen.

Marburgs neuester Ehrenbürger dankt der Stadt seine so gewonnene Würde nun mit Investitionen in Immobilien. Im Nordviertel hat er sich schon sehr breit gemacht. Aber auch anderswo in der Stadt ist schon Pohlhausen. Vielleicht sollte man Marburg bald einfach in Pohlheim umbenennen?

Franz-Josef Hanke

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