Wie Glaube verstockt macht – Peter Henkel stellte sein Buch „Irrtum unser“ vor

Öffentlich über Gott zu reden, ist in den meisten Ländern durchaus üblich. Die Existenz Gottes aber zu bestreiten, ist nach Beobachtungen von Peter Henkel dagegen mit einem gesellschaftlichen Tabu belegt.

Sein neuestes Buch „Irrrtum unser – oder wie Glaube verstockt macht“ stellte der Stuttgarter Religionskritiker am Donnerstag (14. Februar) im vollbesetzten Käte-Dinnebier-Saal des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) vor. Der Einladung der Humanistischen Union Marburg (HU) waren neben Atheisten und Agnostikern auch einige Gläubige gefolgt, die ihre religiöse Haltung vehement vortrugen.

„Ach, der Himmel ist leer“ lautet der Titel eines anderen religionskritischen Buchs des ehemaligen Landeskorrespondenten der Frankfurter Rundschau (FR) für Baden-Württemberg. Mit dieser Aussage bestreitet er die Existenz eines „Höheren Wesens“, das die Welt dereinst geschaffen habe.

Allein das übergroße Leid und Elend der Welt, Kriege und Hungersnöte, Umweltzerstörung und der üble Charakter vieler Menschen belegen nach Henkels Überzeugung, dass es keinen allmächtigen und allgütigen Gott geben kann. Mensch und Natur seien nicht perfekt, erklärte er und bat die Anwesenden, sich ihre Nachbarn im Saal doch einmal kritisch anzuschauen.

Religion diene vielen Menschen als Ankerplatz zum Wohlfühlen, als Anknüpfungspunkt für furchtsames Erzittern und als Bezugsquelle für ihre Moral. Ethik könne man jedoch mindestens genausogut ohne Religion entwickeln. Sie sei ein Ergebnis der Evolution des menschlichen Erfahrungsschatzes.

Die meisten Gläubigen instrumentalisierten ihre Religion, um durch sie Halt in schwierigen Situationen zu finden. Ihre religiösen Empfindungen könnten sie jedoch in der Regel nicht allgemeinverständlich erklären. Dennoch sei es für sie wichtig, „dazuzugehören“.

an der Existenz ihres Gottes ernsthaft zu zweifeln, versagten sich die meisten Religiösen durch selbst auferlegte oder von ihrer Glaubensgemeinschaft verkündete Denkverbote. An Gott müsse man eben einfach glauben.

Genau diese Aussage Henkels belegten einige Fragen religiöser Diskutanten im Saal, die wissen wollten, wie er sich denn ohne Glauben überhaupt wohlfühlen könne. Irgendetwas müsse es doch geben, woran er glaube und was ihm helfe, seinen Alltag zu bewältigen.

In schwirigen Lebenssituationen stünden Atheisten oft „mit leeren Händen da“, antwortete Henkel. Ohne den Glauben an einen Gott sei manches schwieriger; doch könne man sich ein „Höheres Wesen“ nicht einfach nur deswegen herbeiholen. Gott sei eine Vorstellung der Menschen, die ihre Ängste und Hoffnungen in ihn hineinprojizierten.

Doch auch bei den anwesenden Atheisten stieß Henkels Äußerung von den „leeren Händen“ nicht auf ungeteilte Zustimmung. Der Marburger Philosoph Dr. Dr. Joachim Kahl meinte, ein weltlicher Humanist verfüge durchaus über einen großen Schatz an ethischen Wertvorstellungen, kulturellem Erbe – auch aus überkommenen religiösen Traditionen – und an Erfahrungen aus der eigenen Auseinandersetzung mit dem Leben.

Auch die Existenz eines „Höheren Wesens“ müsse ein Atheist nicht unbedingt bestreiten. Kahl nannte die Natur und ihre übermenschlichen Kräfte als Ausdruck einer höheren Gewalt, der der Mensch unterworfen sei.

Diesen Ansatz mochte Henkel hingegen nicht aufgreifen. Ebenso wie die sogenannte „Gott-ist-tot-Theologie“ von Dorothee Sölle sieht er die Zurechtstutzung der Allmacht Gottes auf ein geringeres Maß oder auf die Natur nur als Versuch, die „offenkundig falsche“ Behauptung einer Existenz Gottes noch irgendwie zu retten.

In einem gemeinsamen Buch mit dem bekennenden Katholiken Dr. Norbert Blüm hat Henkel die religionskritische Auseinandersetzung mit Gläubigen ausgiebig geführt. Auch gemeinsame Diskussionsveranstaltungen mit dem ehemaligen CDU-Sozialminister hat er wiederholt durchgeführt. Immer wieder habe er dabei erlebt, dass Gläubige ihre Position nicht logisch begründen können, erklärte Henkel.

Häufig forderten religiös geprägte Menschen die Religionskritiker auf, ihnen die Nicht-Existenz Gottes zu beweisen. Seine Existenz zu beweisen, gelinge ihnen selbst indes nie. Deswegen kehrten viele den Spieß einfach um, um sich aus dieser argumentativen Zwickmühle zu befreien.

Nach zweieinhalb Stunden lebhafter Diskussion stand auch am Donnerstagabend die Erkenntnis im Raum, dass Religiöse und Religionskritiker einander mit Argumenten kaum wirklich überzeugen können. Während viele Gläubige schon in ihrer Sprache auf allgemeinverständliche Argumentationslinien verzichten, setzen sie ihre religiösen Empfindungen nur ungern einer logisch begründeten Kritik aus.

Diese Haltung eines einseitigen Rechts der Religiösen auf Kritik betrachtet Henkel als „verstockt“. Seiner Forderung nach einem Recht der Atheisten auf öffentliche Glaubenskritik konnte sich die Mehrheit der gut 20 Anwesenden letztlich anschließen.

Franz-Josef Hanke

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